Blackmail Blackmail Blackmail
(Bilder zum Interview gibt's demnächst)

Ausgerechnet an diesem Wochenende musste ich krank werden, wie könnte es auch anders sein. Auf dem Plan stand nämlich das Konzert einer meiner momentanen Lieblingsbands: BLACKMAIL aus Koblenz. Die Jungs haben nämlich mit "Science Fiction", ihrem zweiten Album, eines der besten Gitarrenwerke in den letzten Monaten, wenn nicht sogar Jahren, herausgebracht. Somit musste leider auch das Interview zu einem späteren Zeitpunkt stattfinden, und zwar per Fax und E-Mail, weshalb es auch ein wenig kurz geraten ist. Doch in der Kürze liegt ja bekanntlich die Würze. Bassist Carlos und Sänger Aydo beantworteten meine Fragen:

Warum heißt das neue Album "Science Fiction"?
Carlos: Das war eine spontane Idee von uns, als wir unterwegs waren. Wir mochten diese ARD Samstagabend-Reihe "Science Fiction" aus den späten 70er Jahren und dachten mit einem noch seltsameren Cover kombiniert kommt’s gut...und verwirrend. Es soll aber keine direkte Assoziation zum Sound aufkommen.

Seid ihr große Science Fiction-Freaks oder gar Trekkies?
Carlos: Nein, nicht wirklich. Obwohl ich mir zwar manchmal Star Trek im Fernsehen anschaue, ist das meiste neuartige Science Fiction-Zeug totaler Müll, ältere Science Fiction-Sachen wie die angesprochene ARD-Serie sind zumeist viel besser.

Seid ihr mit den ersten Reaktionen (Reviews) auf die neue Platte zufrieden?
Carlos: Mit den derzeitigen Reaktionen sind wir wirklich sehr zufrieden, zumal sich alle irgendwie einig sind!! Durch die Bank sehr gute Resonanzen, mir fällt spontan keine einzige wirklich negative Kritik ein.
Aydo: Mir auch nicht, bloß im Stadtmagazin Prinz gab es – glaub ich zumindest – eine nicht so tolle Kritik. Aber ansonsten können wir echt mehr als zufrieden sein.

Gab es schon Anfragen von Major Labels? Wäre ein Wechsel zu einem Major aus eurer Sicht irgendwann möglich oder würdet ihr das generell ablehnen?
Carlos: Es gibt einige Interessenten, über die wir aber noch nichts verraten möchten. Es wird wohl tatsächlich zu einer labeltechnischen Kooperation (z.B. im Vertrieb) mit einem Major kommen. Aber Guido, unser Produzent und BlueNoise-Chef, wird uns aber auf jeden Fall erhalten bleiben.

Könnt ihr schon von der Band leben? Oder ist sie eher nur eine Nebenbeschäftigung, die ihr neben "regulären" Jobs als Hobby betreibt?
Carlos: Nein, wir können nicht von der Band leben. Jeder von uns hat Nebenjobs, damit wir finanziell über die Runden kommen. Für reguläre Full-Time-Jobs haben wir nicht genügend Zeit, da wir pro Jahr mit der Band 60 bis 100 Tage unterwegs sind.

Wie könnt ihr mit den ganzen NOTWIST-Anspielungen (z.B. "So hätte das aktuelle NOTWIST-Album klingen sollen") leben?
Carlos: Weiß nicht, wir mochten die "12" damals sehr, war auch vielleicht eine wichtige Platte damals. Also von daher schon "ok", aber der Vergleich an sich hinkt sehr, zumal wir, wie ich finde, mit THE NOTWIST auch so gar nichts zu tun haben. Allein schon von den Song-Strukturen und dem Gesang - was ganz anderes. Außerdem mag ich diese "NOTWIST"-Attidüde der letzte Platte nicht so...

Würdet ihr euch als melancholische Menschen bezeichnen? Man hört ja oft solche Umschreibungen wie "Noise-Melancholiker" und "dunkler Gitarrenpop".
Carlos: Hm, also ich würde uns nicht als grundsätzlich melancholische Menschen sehen. Hm, ist aber auch unterschiedlich, vielleicht eher Kurt und Aydo. Das schlägt sich sicherlich beim Songwriting nieder, zumal aber auch dunkle und seltsame Klangfarben bzw. Harmonien unsere Favourites sind.Wir sind eher bestrebt auf untypisches und komisches...auch mal andere Song-Strukturen zu wagen...nur Strophen ohne Refrains...haha!!
Aydo: Also ich bin manchmal schon ein ziemlich melancholischer Mensch, was sich dann auch in meinen Texten niederschlägt. Jeder hat so seine Schattenseiten, ich persönlich neige zu den Extremen, also zu starker Fröhlichkeit und zu starker Traurigkeit. Das hängt vielleicht auch mit meinem Sternzeichen (Zwilling) zusammen.

Ihr geltet als die poppigste Band im BlueNoise-Stall - würdet ihr euch als Pop-Band definieren, oder eher als Independent/Alternative-Band? Und findet ihr die oft gewählte Kategorie "Deutscher Grunge" für das selbstbetitelte Debutalbum (1997) passend oder völlig daneben?
Carlos: Nun, ich finde, daß sich viele Pop-Elemente auf "Science Fiction" niederschlagen, aber vielleicht eben anders... angefangen bei unserem Instrumentierungs-Konzept, z. B. Bass + Gitarre fett, breitwandig, muffig verzerrt, clean usw. Ich denke aber auch, daß Aydos Gesang sicherlich den poppigsten Anteil dazu beiträgt, bis hin zu eben den Song-Strukturen, die es auch mal erlaubt haben, eine Song-Länge von 2 – 3 Minuten zuzulassen!! Und weniger 5 – 6 Minuten lange Opern wie auf unserem Debut! Ja, und der Grunge-Vergleich zur Ersten kotzt uns regelrecht an... stimmt doch gar nicht, oder?

Wie kommt ihr eigentlich auf so seltsame Songtitel wie "The Fjords Of Zimbabwe" oder "Dental Research 72". Und welche Rolle spielen die Texte bei Blackmail - eher eine untergeordnete oder eine zentrale Rolle?
Aydo: Die Texte spielen gerade für mich als Sänger und Textschreiber eine sehr wichtige Rolle, schließlich drücken sich in ihnen Gefühle aus. Wir sehen den Text bzw. den Gesang als sehr wichtiges Instrument an. Und solche Songtexte wie "Dental Research 72" entstehen zumeist aus Situationskomik heraus. Angesprochener Songtitel stand zum Beispiel auf einer Zahnpastatube in meinem Geburtsjahr 1972 geschrieben. Die Songtitel haben zumeist überhaupt nichts mit der Musik und dem Textinhalt zu tun, genauso wie das Coverartwork und der Plattentitel.

Wollt Ihr mit "Science Fiction" ein ganz bestimmtes Publikum ansprechen? Oder ist euch eine ganz bestimmte Zielgruppe völlig egal und ein gemischtes Publikum lieber?
Carlos: Nein, eigentlich nicht, so etwas ergibt sich ja eh erst viel später, also nach der Fertigstellung der Platte und der Promotion. Aber wir haben natürlich nichts dagegen, übers BluNoise-Umfeld hinauszugelangen, was uns glaube ich auch gelungen ist, oder?

Es soll bald von einigen Songs Remixe geben - wer soll diese Remixe anfertigen? Und welche Songs sollen remixed werden?
Carlos: Ja, ja, alles in Arbeit, alles in Vorbereitung, wir haben auch schon einige grundsätzliche Zusagen. Das ganze soll dann wahrscheinlich über das "Crippled Hot Wax" Label im Herbst '99 veröffentlicht werden, mal sehen, ob es uns gelingt alle noch nötigen Hebel rechtzeitig in Bewegung zu setzten.
Aydo: Wir planen, alle Lieder von "Science Fiction" von unterschiedlichen Leuten remixen zu lassen, außer Fischmob möchten wir allerdings noch niemanden verraten, weil vieles noch in der Schwebe hängt.

Wird es vom regulären Album noch eine offizielle Single-Auskoppelung oder einen Videoclip geben?
Aydo: Es wird mit "Nostra" bald eine DJ- und Radio-Single geben, allerdings nur für reine Promotionzwecke. Das Teil wird also nicht in den Läden käuflich zu erwerben sein. Wahrscheinlich wird es zu "Nostra" auch noch einen dazugehörigen Low Budget Videoclip geben, was allerdings noch nicht hundertprozentig feststeht. Das mit dem Videoclip ist sowieso nicht unsere Idee gewesen, die Idee stammt vielmehr von VIVA 2, die an uns mit diesem Vorschlag herantraten. Mal sehen...

Gibt es schon Pläne für neues Album?
Aydo: Ja, die gibt es schon! Wir wollen im Sommer wieder ins Studio gehen und spontan das dritte Album einspielen. Das "Science Fiction"-Material wurde ja schon vor knapp einem Jahr eingespielt, ist also aus unserer Sicht fast schon wieder veraltet, obwohl die Platte erst seit Februar '99 auf dem Markt ist. Wir haben im Kopf schon eine Vorstellung von neuen Songmaterial, wobei wahrscheinlich auch Sampler zum Einsatz kommen werden. Auch bei der Live-Umsetzung werden wir zukünftig verstärkt mit Samplern arbeiten, um die Atmosphäre von langsameren Stücken wie z.B. "3000000 Vears From Here" besser einfangen zu können. Das eröffnet ganz neue Möglichkeiten.

Aktuelle Lieblingsplatten: Was rotiert zur Zeit auf euren privaten Plattentellern?
Carlos: ELLIOT SMITH: "Either/Or", BLUR: "13".
Aydo: BLUR: "13", ELECTROTWIST: "La Philosophie...", ASPHEX TWIN: "Selected Works".

 

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