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Anathema: Judgement CD (Music For Nations/Zomba)

Cover Sie haben eine ähnliche Entwicklung wie PARADISE LOST durchgemacht, die vier Liverpooler von ANATHEMA. Knapp ein Jahr nach dem letzten Werk "Alternative 4" wartet das britische Quartett bereits mit den nächstem Album auf, das den Titel "Judgement" trägt. Trotz dieser relativ kurzen Zeitspanne ist ihnen mit dem neuen Output ein absolutes Meisterwerk gelungen, das in seiner emotionalen Tiefe und majestätischen Schönheit nach seinesgleichen sucht. Mit Vincent Cavanagh steht ein Sänger von Weltklasseformat am Mikrophon, der nicht selten an alte Helden wie Wayne Hussey (THE MISSION) oder Justin Sullivan (NEW MODEL ARMY) erinnert. Dank der zur Zeit modernsten Studiotechnik wird sein wunderschönes und ausdrucksstarkes Organ sanft in einen warmen und vollen Soundteppich eingebettet, wobei das Spektrum von sehr ruhigen, melancholischen Stücken wie z.B. "Anyone Anywhere" bis hin zu mitreißenden Rocksongs wie "Pitiless" reicht. Die musikalischen Einflüsse reichen dabei von den breits erwähnten Wave-Helden der achtziger Jahre bis hin zu PINK FLOYD und PARADISE LOST. Hier paßt einfach alles zusammen, die 13 Stücke fließen sanft ineinander über, nichts wirkt konstruiert. Und die aüßerst sensiblen, verletzlichen, in ihrer Ehrlichkeit kaum zu überbietenden Texte, sorgen für das i-Tüpfelchen, das JUDGEMENT zu einem Klassiker der Rockmusik machen wird. Doch Vorsicht: Es besteht akute Suchtgefahr! OÄ (56:58) ******



Blackmail: Science Fiction CD (BlueNoise/EFA)

Daß das in Troisdorf ansässige BlueNoise-Label in regelmäßigen Abständen echte Perlen intelligenter deutscher Gitarrenmusik auf den Markt bringt, dürfte sich langsam herumgesprochen haben. Den Höhepunkt dieses erstaunlichen Werdegangs markiert "Science Fiction", das zweite Album der Koblenzer Pilzköpfe von BLACKMAIL. Während das 1997 veröffentlichte Debutalbum "Blackmail" aufgrund einer nicht gerade durchschlagskräftigen Produktion und einigen unausgegoren wirkenden Kompositionen noch nicht auf voller Linie überzeugen konnte, gibt es an dem neuen Output des Quartetts nichts mehr auszusetzen. Schwarze, schwere Popmusik, die sich durch wuchtige Gitarrenwände und bittersüße Melodien auszeichnet, die zwar auf Anhieb nicht leicht konsumierbar ist, den Hörer für seine Geduld aber schon bald fürstlich entlohnt. So könnten THE NOTWIST im Jahr 1999 klingen, wenn sie sich zugunsten der Experimentierfreudigkeit nicht fast vollständig von der geliebten Gitarre verabschiedet hätten. Um Mißverständnissen vorzubeugen: Auch "Science Fiction" hat ebenso wie das aktuelle Notwist-Album einige unerwartete und ruhigere Momente zu bieten. So taucht beispielsweise in "Dull", einem eher rauhen Stück, das fast schon der Kategorie Grunge zuzuordnen ist, völlig überraschend eine Trompete auf, die das Stück um eine liebevolles Detail erweitert. Und genau diese Liebe zum Detail, die auch hin und wieder (wie z.B. beim träumerischen "Feeble Bee") sanft auf das melancholische SMASHING PUMPKINS-Universum zurückgreift, katapultiert BLACKMAIL endgültig an die Spitze des deutschen Indie-Pops. Groß, ganz groß! OÄ (49:40) *****



Cobolt: Spirit On Parole CD (Ampersand Rec./Indigo)

Weniger ist oft mehr, diese Binsenweisheit hat sich das schwedische Quartett COBOLT in Großbuchstaben hinter die Ohren geschrieben. Geschwindigkeitsorgien, Bombast und aggressiv verzerrte Gitarren sucht man auf "Spirit On Parole" vergeblich, statt dessen dominieren hier die Prinzipien Langsamkeit und Melancholie, was den den vier Nordlichtern seit dem Herbst 1997 veröffentlichten Debutalbum "Eleven Storey Soul Departure" den Ruf als Schwedens langsamste Popband aller Zeiten einbrachte. Und so zelebriert man auch auf dem Zweitwerk größtenteils sehr ruhige, getragene Songs, die in ihrer Grundstimmung nicht selten an Bands wie SLINT, SOPHIA oder die RED HOUSE PAINTERS erinnern. Die klassische Instrumentierung (Gitarre, Schlagzeug, Bass) wird dabei durch die gelegentliche Verwendung von Piano- und Vilolinenklängen um feine Nuancen erweitert, was die melancholische Ausstrahlung dieses Albums unterstreicht. Eine hilfreiche Platte für Beziehungsgeschädigte, die auf dem Sofa mit einer Tasse Tee gerne in der Vergangenheit kramen, und immer noch an die große Liebe glauben. OÄ (50:22) ****



Dipsomaniacs: Reverb No Hollowness CD (Psychobabble/Indigo)

Der Kopf, und bis vor kurzem das einzige Mitglied der DIPSOMANIACS ist Oyvind Holm aus Trondheim, Norwegen. Seit 1992 veröffentlicht der gute Mann seine "Home Recordings" unter dem Namen DIPSOMANIACS, wobei das erste vollwertige Album "Bumble-Bee Eyes" erst 1997 das Licht der Welt erblickte. Beim zweiten Album "Reverb No Hollowness" hat er den alten 4-Track Recorder gegen einen neuen 8-Track Recorder ausgetauscht, und außerdem noch zwei feste Musiker am Bass und an den Drums engagiert. Zweifellos ist auch das neue Werk noch von einem gewissen Lo-fi Charakter geprägt, wobei angemerkt werden muß, daß die Aufnahmequalität sich wirklich in einem erträglichen Rahmen bewegt, der auch für Hi-fi verwöhnte Ohren erträglich ist. Und so sind ein paar wirklich schöne Stücke entstanden, die irgendwo zwischen den BYRDS und GUIDED BY VOICES anzusiedeln sind. Von langsamen, psychedelischen Popsongs bis hin zu schnellen Rocksongs ist hier alles vertreten, was Spaß macht, wobei in allen elf Songs eine gehörige Portion Melancholie mitschwingt. Fein! OÄ (43:43) ****



Euro Boys: Long Day's Flight 'Till Tomorrow CD (Virgin)

Den Sinn des "Easy Listening" habe ich bis heute noch nicht ganz kapiert, aber vielleicht besteht der Sinn dieser Musikgattung ja gerade darin, keinen tieferen Sinn zu haben. Das zweite Album (nach "Jet Age") von den fünf EURO BOYS aus Norwegen könnte man jedenfalls problemlos in jedem Fahrstuhl oder Supermarkt dieser Welt laufen lassen - niemand würde sich gestört oder belästigt fühlen. Kaum zu glauben, daß hieran ehemalige Mitglieder von TURBONEGRO und GLUECIFER beteiligt sind. Aber wieso eigentlich nicht? Manchmal ertappt man nämlich den eigenen Fuß, wie er bei dieser dezenten Hintergrundmusik unauffällig mitwippt, vor allem, wenn es etwas rockiger wie z.B. bei "Filadelfia" wird. Andere Stücke würde man hingegen nicht mal wahrnehmen, wenn einen früh morgens eine voll aufgedrehte 1000 Watt Stereoanlage zu wecken versuchen würde, so seicht und nichtssagend plätschert es streckenweise vor sich hin. Und wie soll ich diesen "Instrumental Surf Easy Listening Sound" nun bewerten? Keine Ahnung, macht euch selbst ein Bild! Aber ich geb' trotzdem mal drei Sterne: Einen für die schlecht sitzenden Kunststoffanzüge, einen für die ruhmreiche Vergangenheit in anderen Bands, und einen dafür, daß ich diese Plattenbesprechung nun endlich hinter mich gebracht habe. Uff! OÄ (69:18) ***



Favez: A Sad Ride On The Line Again CD (Sticksister/Indigo)

Cover "We tried to make the following Songs as slow and depressing as we could", das steht unübersehbar auf der Rückseite der CD-Hülle geschrieben. Favez aus Lausanne in der Schweiz sind der aktuelle Neuzugang bei Sticksister Records, wo das Demoband wie eine Bombe einschlug. Bei "A Sad Ride On The Line Again" handelt es sich um ein reines Akustik-Album, das in einer Kirche aufgenommen wurde, was die ernsthafte Aura dieses Werkes noch unterstreicht. Die Fröhlichkeit haben die fünf Schweizer wirklich nicht mit dem Löffel gefressen, statt dessen erwarten den Hörer zehn melancholische, oftmals spärlich instrumentierte Songs, die in ihrer Traurigkeit am ehesten noch an Bands wie SOPHIA oder RADIOHEAD erinnern. Andererseits können die Jungs auch so richtig abrocken, wie die nur für Promozwecke mitgeschickte und nicht im Handel erhältliche "Coming Home" MCD beweist, die neben dem selbstkomponierten Titeltrack noch drei Coverversionen von CHOKEBORE, GIRLS VS. BOYS und UNSANE beinhaltet. Eine interessante und vielschichtige Band, von der man noch einiges erwarten kann, nicht zuletzt, weil Doghouse Records dieses Album in Nordamerika veröffentlichen . Da werden noch so manchem Melancholiker die Löcher aus dem schweizer Käse fliegen. OÄ (35:44) ****



The Gloria Record: The Gloria Record CD (Crank!/Cargo)

Bei THE GLORIA RECORD handelt es sich um die neue Band von Chris (Gesang/Gitarre) und Jeremy (Bass) von MINERAL. Da sich MINERAL nach ihrem zweiten Album "End Serenading" den letzen Meldungen nach offenbar aufgelöst haben, kann THE GLORIA RECORD als legitimer Nachfolger angesehen werden, zumal dieses 6 Song Minialbum (mit über 30 Minuten Spielzeit!) fast nahtlos an die letzte MINERAL-Veröffentlichung anknüpft. Auch hier wird ziemlich langsamer, durch den Gesang sehr zerbrechlich wirkender und herrlich melancholischer Gitarren-Pop geboten, der an Bands wie eben MINERAL, RADIOHEAD oder SUNNY DAY REAL ESTATE erinnert. Kein Sound für Rabauken, sondern eher für zartbesaitete Gemüter, für die diese überlangen Songs in der richtigen Stimmung Gold wert sein dürften. OÄ (31:42) ****

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